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Acht Lebensfragen – (5) Identität

vor 10 Minuten
5 Min. Lesezeit

Wer bin ich?



Kann ich der Welt vertrauen?

Darf ich ich selbst sein?

Darf ich Raum einnehmen?

Bin ich gut genug?


Vier Fragen, die uns in den ersten Entwicklungsphasen begleiten — mit jeder von ihnen entsteht ein Stück mehr Sicherheit darüber, wie wir die Welt erfahren und in ihr sein können.

Doch mit der Zeit verändert sich die Perspektive: Wir wissen inzwischen, dass wir einen eigenen Willen haben, haben erlebt, dass wir etwas können, dass wir lernen und unsere Umwelt mitgestalten können, und stehen nun vor einer neuen Aufgabe:


Herauszufinden, wer wir sind.



Identität – die Suche nach dem eigenen Ich


Erik Erikson beschreibt die fünfte Entwicklungsphase als Identität versus Rollendiffusion. Sie ist vor allem mit der Jugendzeit verbunden – mit jener Lebensphase, in der bisherige Selbstverständlichkeiten ins Wanken geraten.


Wer bin ich? Was ist mir wichtig? Woran glaube ich? Wie möchte ich leben? Welche Menschen möchte ich um mich haben? Welche Werte möchte ich vertreten? Und welche Vorstellungen über mich stammen eigentlich von anderen?


Jugendliche verändern sich in dieser Phase sehr stark, wachsen in neue Körper hinein und entdecken ihre Sexualität. Sie beginnen, unterschiedliche Möglichkeiten auszuprobieren: neuer Kleidungsstil, neue Freundschaften, neue Interessen, neue politische oder religiöse Überzeugungen. Sie probieren Rollen aus und beobachten, wie sie sich darin fühlen.

Manches davon bleibt, anderes wird wieder verworfen.


Diese Suche ist ein notwendiger und wertvoller Teil der Entwicklung, in dem Jugendliche unterschiedliche Optionen erproben – oftmals auch mit einer starken Orientierung an dem, was andere beeindruckt oder vielleicht provoziert.


Identität wächst, indem wir ausprobieren, unterscheiden und allmählich herausfinden, was sich nach uns selbst anfühlt.


Zwischen den Erwartungen anderer und dem eigenen Leben


Identität entsteht nicht im luftleeren Raum. Von Anfang an begegnen uns Vorstellungen darüber, wie wir sein sollen: Eltern haben Wünsche und Erwartungen, Schulen vermitteln Aufgaben und Werte, Freunde beeinflussen uns, und gesellschaftliche Normen geben Rollen vor.

Manche dieser Vorstellungen passen zu uns und können uns Halt und Orientierung geben, während andere eher verwirren oder weniger mit dem übereinstimmen, was wir selbst empfinden oder leben möchten.


Die Entwicklung einer eigenen Ich-Identität bedeutet deshalb auch, zwischen dem zu unterscheiden, was wir übernommen haben, und dem, was wir aus eigener Überzeugung bejahen können. Das kann bedeuten, eine Erwartung der Eltern nicht zu erfüllen, eine Freundschaft oder eine Gruppe zu verlassen, eine berufliche Vorstellung zu verändern oder eine Beziehung anders zu gestalten.


Manchmal stellen wir auch fest, dass etwas, das lange selbstverständlich schien, nicht mehr zu dem Leben passt, das wir heute führen möchten. Solche Veränderungen können konflikthaft sein – denn zu wissen, wer man selbst sein möchte, bedeutet manchmal auch, andere zu enttäuschen.



Wer bin ich, wenn ich verschiedene Menschen sein kann?


Eine Identität bedeutet dabei nicht, nur eine einzige feste Version von sich selbst zu finden.

Wir sind in unterschiedlichen Beziehungen und Lebensbereichen verschieden: Partner, Freund, Tochter oder Sohn, Kollegin oder Kollege, Lehrerin oder Coach, Elternteil, Nachbar, Sportlerin, Musiker – vielleicht vieles gleichzeitig.


Die Frage ist deshalb nicht unbedingt:

„Welche Rolle ist meine wahre?“


sondern eher:

„Kann ich mich in meinen verschiedenen Rollen noch als derselbe Mensch erleben?“


Identität schafft eine Art inneren Zusammenhang, in dem unterschiedliche Erfahrungen, Eigenschaften und Rollen miteinander verbunden bleiben.

Ich kann mich verändern, neue Seiten an mir entdecken und verschiedene Rollen leben, ohne mich dabei selbst zu verlieren oder den Eindruck zu bekommen, jemand völlig anderes geworden zu sein.


Und trotzdem bleibt spürbar: Das bin alles ich.



Wenn dieser Zusammenhang fehlt


Erikson spricht von Rollendiffusion, wenn es nicht gelingt, einen solchen inneren Zusammenhang zu entwickeln.


Zeigen kann sich das auf verschiedene Weise: Manche Menschen wissen nicht, was sie eigentlich wollen, übernehmen leicht die Vorstellungen und Ideale anderer oder passen sich an die jeweilige Umgebung an. Andere wechseln ständig zwischen unterschiedlichen Selbstbildern oder erleben einen starken Druck, möglichst schnell herausfinden zu müssen, wer sie sind und wo sie sich zugehörig fühlen.


Und manchmal entsteht dabei das Gefühl:

„Ich weiß eigentlich gar nicht, wer ich bin.“


Diese Erfahrung kann ganz unterschiedliche Bedeutungen haben und muss nicht automatisch auf ein psychisches Problem hinweisen. Identität ist keine Aufgabe, die man irgendwann endgültig abschließt. Auch als Erwachsene kommen wir an Punkte, an denen unser bisheriges Selbstbild nicht mehr trägt – etwa nach einer Trennung, einem beruflichen Umbruch, der Geburt eines Kindes, einem schweren Verlust, einer einschneidenden Krankheit oder dem Beginn einer neuen Beziehung.


Manchmal genügt auch die schlichte Erkenntnis, dass das bisherige Leben nicht mehr zu dem Menschen passt, der man geworden ist.


Dann kann die alte Frage wieder auftauchen:

„Wer bin ich?“



Identität bedeutet auch, sich verändern zu dürfen


Hier liegt ein häufiges Missverständnis des Begriffs: Eine gefestigte Identität bedeutet nicht, für immer genau zu wissen, wer man ist, und sich auf bestimmte Eigenschaften festlegen zu müssen. Denn: Eine tragfähige Identität lässt Veränderung zu.

Ich kann meine Meinung ändern, etwas Neues ausprobieren oder entdecken, dass ein früherer Traum heute nicht mehr zu mir passt. Ich kann mich entwickeln und trotzdem ein Gefühl innerer Kontinuität bewahren.


Identität lässt sich deshalb weniger als fertiges Ergebnis verstehen, sondern eher als Geschichte, die wir über unser eigenes Leben entwickeln – eine Geschichte, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden sind.



Was bedeutet das für Psychotherapie?


Die Frage nach der Identität taucht in der Psychotherapie häufig dort auf, wo Menschen den Kontakt zu ihrer Innenwelt oder ihrem Inneren Wesenskern verloren haben. Manchmal haben sie so lange versucht, die Erwartungen anderer zu erfüllen, dass sie kaum noch wissen, was sie selbst wollen, oder ihr Selbstbild wurde über Jahre hinweg von den Bewertungen anderer geprägt.


„Ich bin zu viel.“

„Ich bin nicht interessant genug.“

„Ich muss stark sein.“

„Ich darf niemanden enttäuschen.“


Solche Sätze können sich irgendwann wie Bestandteile der eigenen Identität anfühlen. Therapie kann dabei einen Raum eröffnen, in dem diese Selbstkonzepte wieder hinterfragt werden können.


Was davon gehört wirklich zu mir?

Was habe ich übernommen?

Was möchte ich behalten?

Was darf sich verändern?


Und es ist dabei noch gar nicht notwendig, eine endgültige Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ zu finden. Es reicht völlig aus, wieder selbst an der eigenen Antwort beteiligt zu sein.



Eine Identität, die weiterwächst


Die vier Fragen davor haben uns Schritt für Schritt weitergeführt: Ich kann vertrauen, ich darf ich selbst sein, ich darf Raum einnehmen und ich kann etwas lernen. Und nun stehen wir vor der Frage: „Wer bin ich?“


Vielleicht ist sie deshalb so besonders, weil sie nicht nur auf unsere Vergangenheit schaut, sondern zugleich nach unserer Zukunft fragt: Welcher Mensch möchte ich werden? Welches Leben möchte ich führen? Was möchte ich behalten und pflegen, was hinter mir lassen?


Identität ist dabei weniger etwas, das wir irgendwann endgültig finden, als etwas, das sich entwickelt, während wir unser Leben leben. Wir werden zu anderen Menschen als früher, entdecken neue Seiten an uns und verabschieden uns von alten Vorstellungen.


Und manchmal erkennen wir gerade darin etwas Vertrautes: Ich bin noch immer ich. Nur ein Stück weiter.


 
 
 

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