Acht Lebensfragen – (3) Initiative
- Leo Janda

- vor 22 Stunden
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Darf ich die Welt gestalten?
Mit der zweiten Lebensfrage haben wir uns der Autonomie zugewandt: Darf ich einen eigenen Willen haben? Kann ich meinen eigenen Weg gehen und dabei mit mir selbst verbunden bleiben?
Aus dieser zunehmenden Eigenständigkeit erwächst etwas Neues: Wenn wir erleben, dass wir einen eigenen Willen haben und Einfluss auf unser Leben nehmen können, entsteht der Wunsch, diesen Einfluss auch zu nutzen. Wir beginnen, uns Ziele zu setzen, Ideen zu entwickeln, Dinge auszuprobieren und unsere Umgebung aktiv mitzugestalten.
Damit öffnet sich die dritte Lebensfrage:
Darf ich die Welt gestalten?
Was meint Erikson mit Initiative?
Erikson beschreibt diese Entwicklungsphase als „Initiative versus Schuldgefühl“. Sie fällt ungefähr in das Vorschulalter, eine Zeit, in der Kinder ihre Umwelt mit großer Neugier erkunden. Sie stellen unzählige Fragen, entwickeln Fantasien, beginnen Spiele zu erfinden und wollen selbst etwas in Gang bringen.
Ein Kind entdeckt dabei zunehmend:
Ich kann mir etwas vorstellen. Ich kann etwas beginnen. Ich kann etwas bewirken.
Initiative bedeutet deshalb mehr als Aktivität. Es geht um die Erfahrung, dass eigene Impulse willkommen sind und dass es sich lohnt, ihnen zu folgen. Das Kind entwickelt einen inneren Bewegungsdrang: Es möchte nicht nur reagieren, sondern selbst gestalten.
Dabei braucht es Grenzen. Kinder müssen lernen, dass nicht jeder Impuls sofort umgesetzt werden kann und dass auch andere Menschen Bedürfnisse und Grenzen haben. Eine gesunde Entwicklung entsteht deshalb nicht durch grenzenlose Freiheit, sondern durch einen Rahmen, innerhalb dessen eigene Ideen und Wünsche einen angemessenen Platz bekommen.
Wenn aus Initiative Schuld wird
Auch hier kann die Erfahrung eine andere Richtung nehmen. Wenn die eigenen Impulse wiederholt abgewertet, bestraft oder beschämt werden, kann ein Kind lernen, seinen eigenen Antrieb mit Vorsicht zu betrachten.
Nicht nur „Das darf ich nicht“ kann sich entwickeln, sondern eine viel tiefere Botschaft:
„Mit dem, was von mir kommt, stimmt etwas nicht.“
Aus Initiative kann dann Schuldgefühl werden.
Schuld ist in dieser Entwicklungsphase besonders interessant, weil sie einen inneren Konflikt beschreibt: Ein Mensch möchte etwas, wagt etwas oder verfolgt ein eigenes Ziel und erlebt gleichzeitig das Gefühl, damit anderen etwas anzutun oder gegen Erwartungen zu verstoßen.
Wer gelernt hat, dass die eigenen Wünsche andere belasten, kann später große Schwierigkeiten damit haben, überhaupt zu erkennen, was er möchte.
Vom eigenen Willen zum eigenen Entwurf
Die dritte Lebensfrage baut deshalb unmittelbar auf der zweiten auf.
Zunächst entdecken wir:
Ich bin ein eigener Mensch.
Dann:
Ich darf meinen eigenen Weg gehen.
Und daraus folgt:
Was möchte ich mit diesem Leben anfangen?
Das ist der Beginn einer stärker zielgerichteten Form von Selbstgestaltung.
Wir entwickeln Vorstellungen davon, was wir können, was wir erleben möchten und welchen Teil der Welt wir mitgestalten wollen. Wir beginnen, unsere Fantasie mit der Wirklichkeit zu verbinden.
Dabei entstehen erste Entwürfe des eigenen Lebens. Noch sind sie spielerisch und veränderbar. Ein Kind kann heute Feuerwehrmann sein und morgen Astronaut. Gerade darin liegt etwas Kostbares: Die eigene Zukunft darf zunächst ausprobiert werden, bevor sie festgelegt wird.
Darf ich Raum einnehmen?
Initiative bedeutet auch, mit dem eigenen Erleben in die Welt zu treten.
Ein Kind möchte erzählen, fragen, zeigen, bestimmen, ausprobieren. Es möchte Aufmerksamkeit bekommen und erleben, dass das, was es tut, eine Wirkung hat. Es tritt damit ganz selbstverständlich in die Welt und nimmt seinen eigenen Raum ein.
Für Eltern und Erwachsene kann dieses Verhalten manchmal fordernd oder sogar störend wirken. Psychologisch betrachtet liegt darin jedoch eine wichtige Entwicklung: die Erfahrung, dass die eigene Person Bedeutung hat.
Ich darf etwas sagen. Ich darf eine Idee haben. Ich darf Aufmerksamkeit bekommen. Ich darf etwas beginnen. Ich darf sichtbar sein.
Damit berührt die Entwicklung von Initiative auch die Fähigkeit zur Selbstbehauptung. Wir lernen, unsere Interessen zu vertreten und unsere Bedürfnisse in die Beziehung einzubringen. Das bedeutet nicht, den Raum anderer Menschen zu übergehen. Es bedeutet, den eigenen Raum ebenfalls als berechtigt zu erleben.
Gerade Menschen, die früh gelernt haben, sich stark an andere anzupassen, können mit dieser Form der Initiative Schwierigkeiten haben. Sie spüren vielleicht schnell, was andere brauchen, und erst sehr viel später, was sie selbst möchten. Eigene Wünsche werden zurückgehalten, Ideen vorsorglich relativiert und Entscheidungen so lange geprüft, bis kaum noch etwas von der ursprünglichen Lebendigkeit übrig bleibt.
Dann kann die Frage nach Initiative eine überraschend grundlegende werden:
Darf ich überhaupt Raum einnehmen?
Therapeutisch kann es bedeutsam sein, genau diesen Raum wieder entstehen zu lassen. Einen Raum, in dem ein eigener Gedanke ausgesprochen werden darf, ohne sofort bewertet zu werden. In dem ein Wunsch zunächst einfach existieren darf. In dem jemand erfahren kann: Meine Stimme verändert etwas. Mein Gegenüber hört mich. Ich darf hier sein.
Die Lebensfrage aus heutiger Sicht
Als Erwachsene bleibt diese Fähigkeit bedeutsam. Sie stellt sich überall dort, wo wir etwas beginnen, ohne bereits sicher zu wissen, wie es ausgehen wird.
Wenn wir eine Idee verfolgen.
Eine Beziehung eingehen.
Einen beruflichen Weg einschlagen.
Ein Projekt beginnen.
Eine Veränderung wagen.
Oder eine Vorstellung davon entwickeln, wie unser Leben aussehen könnte.
Initiative beschreibt dabei die innere Bereitschaft, aus sich heraus in Bewegung zu kommen.
Manche Menschen verlieren diese Fähigkeit im Laufe ihres Lebens. Sie warten darauf, dass jemand ihnen sagt, was richtig ist. Sie überlegen so lange, bis jede Entscheidung riskant erscheint – oder sie halten eigene Wünsche zurück, weil sie bereits im Vorfeld mit Kritik, Ablehnung oder Schuldgefühlen rechnen.
Dann wird aus der Frage „Was möchte ich?“ schnell die Frage:
„Was darf ich überhaupt wollen?“
Was passiert, wenn wir beginnen?
Aus therapeutischer Sicht interessiert an dieser Entwicklungsphase besonders der Moment, in dem ein eigener Impuls wieder auftaucht.
Oft ist er zunächst sehr dezent:
Das würde ich gerne ausprobieren.
Das interessiert mich.
Dorthin möchte ich.
So könnte ich leben.
Solche Impulse können erstaunlich verletzlich sein. Gerade Menschen, die gelernt haben, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, erleben den ersten Schritt in Richtung Selbstgestaltung manchmal mit Unsicherheit oder Schuld. Dann wäre es eine Überforderung, jeden Impuls sofort umzusetzen – es reicht vorerst, sie wahrzunehmen.
Was möchte hier eigentlich in mir entstehen?
Was gehört wirklich zu mir?
Welche Wünsche sind meine eigenen und welche habe ich übernommen?
Und welche Konsequenzen bin ich bereit, für meine Entscheidungen zu tragen?
Damit verbindet sich Initiative zunehmend mit Verantwortung. Wir werden nicht dadurch reifer, indem wir jeden eigenen Impuls ausleben. Wir wachsen daran, indem wir lernen, eigene Impulse wahrzunehmen, sie zu prüfen und ihnen bewusst eine Bedeutung und Richtung zu geben.
Der Mut, etwas zu beginnen
Initiative braucht keine Gewissheit.
Im Gegenteil: Etwas Neues zu beginnen bedeutet fast immer, noch nicht zu wissen, wie es ausgehen wird.
Darin liegt auch eine Verbindung zur ersten Lebensfrage: Vertrauen bedeutet, den nächsten Schritt gehen zu können, ohne den gesamten Weg zu kennen. Autonomie bedeutet, diesen Weg zunehmend auf eigene Weise zu gehen. Initiative bringt nun die Frage hinzu:
Was möchte ich auf diesem Weg entstehen lassen?
Das Leben wird damit zunehmend zu etwas, an dem wir selbst mitwirken können.
Nicht alles liegt in unserer Hand. Wir können Umstände nicht beliebig verändern und auch andere Menschen nicht nach unseren Wünschen und Vorstellungen gestalten. Doch innerhalb unseres Einflussbereichs können wir wählen, ausprobieren, erschaffen und Verantwortung übernehmen.
Ein abschließender Gedanke
Initiative kann ganz unspektakulär beginnen:
Mit einer Idee.
Mit Neugier.
Mit einem Wunsch, den wir uns bisher kaum erlaubt haben.
Oder mit dem Gedanken: „Das möchte ich einmal versuchen“.
Wir müssen dabei noch nicht wissen, wohin der Weg führt. Es genügt zunächst, den eigenen Impuls ernst zu nehmen und ihm einen ersten Schritt zu geben.
Denn nachdem wir gelernt haben, der Welt zu vertrauen und unseren eigenen Weg zu finden, wartet eine neue Frage auf uns:
Was möchte ich mit meinem Leben gestalten?
Und genau darin ist eine wichtige Freiheit zu finden: dass wir beginnen, unserer eigenen Vorstellungskraft zu vertrauen und etwas in die Welt zu bringen, das vorher nur in uns existiert hat.




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