top of page

Acht Lebensfragen – (2) Autonomie

22. Aug.
3 Min. Lesezeit

Darf ich ich selbst sein und meinen eigenen Weg gehen?


Im ersten Teil dieser Serie stand eine grundlegende Frage im Mittelpunkt: Kann ich der Welt vertrauen?

Vertrauen bildet den Anfang unserer Entwicklung. Es schenkt uns die Zuversicht, dass Beziehung tragen kann und dass die Welt mehr bereithält als Unsicherheit und Gefahr. Doch sobald dieses Fundament langsam wächst, taucht eine neue Frage auf:


Darf ich ich selbst sein?


Diese Frage begleitet uns oft schon lange, bevor wir sie in Worte fassen können. Sie zeigt sich in den ersten Schritten, den ersten eigenen Entscheidungen und vielleicht am deutlichsten in einem kleinen Wort, das viele Eltern gut kennen:


"Nein."


Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist dieses Nein weit mehr als Trotz. Es ist häufig der erste Ausdruck einer eigenen Persönlichkeit, die erforschen möchte, was sie bewirken kann.



Was meint Erikson mit Autonomie?


Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson beschreibt diese zweite Entwicklungsphase als den Weg zur Autonomie: Ein Kind beginnt zu entdecken, dass es ein eigenständiger Mensch ist. Es möchte laufen, ausprobieren, wählen und Einfluss auf seine Umwelt nehmen. Es entwickelt einen eigenen Willen.


Damit beginnt eine neue Entwicklungsaufgabe: Das Kind möchte nicht nur sicher sein. Es möchte wirksam sein. Es möchte erleben:


Ich kann etwas bewirken. Ich darf Entscheidungen treffen. Ich bin mehr als die Erwartungen anderer.

Dabei geht es nicht nur um Unabhängigkeit. Ein kleines Kind bleibt weiterhin auf die Nähe und Unterstützung seiner Bezugspersonen angewiesen. Gerade darin liegt die eigentliche Herausforderung dieser Lebensphase. Das Kind stellt sich unbewusst eine entscheidende Frage:


Darf ich meinen eigenen Willen haben, ohne die Beziehung zu verlieren?


Wird dieser Wunsch nach Eigenständigkeit mit Geduld, Ermutigung und liebevoller Begleitung beantwortet, entwickelt sich nach und nach ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.


Das Kind erlebt:

Ich darf ausprobieren. Ich darf Fehler machen. Ich darf anders sein.


Wenn Scham ins Spiel kommt


Nicht immer gelingt dieser Entwicklungsprozess ungestört. Manche Kinder erleben, dass ihre Bedürfnisse belächelt, ihr Wille ständig übergangen oder ihre Versuche beschämt werden.


"Das kannst du sowieso nicht."

"Jetzt stell dich nicht so an."

"Du machst alles falsch."


Mit der Zeit kann daraus eine tiefere Botschaft entstehen:

Mit mir stimmt etwas nicht.

Scham unterscheidet sich dabei von Schuld: Schuld bezieht sich auf ein Verhalten, Scham richtet sich gegen die eigene Person.


Sie lässt uns nicht denken:

"Ich habe einen Fehler gemacht."


Sondern:

"Ich bin falsch."


Gerade deshalb kann Scham den Mut zur Eigenständigkeit nachhaltig beeinflussen.



Eine Lebensfrage, die bleibt


Auch diese Entwicklungsaufgabe endet nicht mit der Kindheit, viele Erwachsene begegnen ihr täglich.


Sie zeigt sich beispielsweise,

  • wenn wir unsere Bedürfnisse zurückstellen, um niemanden zu enttäuschen.

  • Wenn wir uns ständig rückversichern, bevor wir eine Entscheidung treffen.

  • Wenn wir Schwierigkeiten haben, Grenzen zu setzen.

  • Oder wenn wir uns fragen, ob wir überhaupt das Recht haben, unseren eigenen Weg zu gehen.


Autonomie bedeutet dabei nicht, alles allein schaffen zu müssen. Sie beschreibt vielmehr die Fähigkeit, mit sich selbst in Verbindung zu bleiben – auch dann, wenn andere anderer Meinung sind.

Wer den eigenen Standpunkt vertreten kann, ohne die Beziehung zum Gegenüber aufzugeben, erlebt häufig mehr innere Freiheit. Denn echte Autonomie wächst in einer tragfähigen Beziehung zu sich selbst.



Den eigenen Weg wiederfinden


Aus therapeutischer Sicht begegnet uns diese Lebensfrage häufig dort, wo Menschen den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen verloren haben. Manche spüren sehr genau, was andere von ihnen erwarten, doch sie wissen kaum noch, was sie selbst möchten.

Andere erleben große Schuldgefühle, sobald sie Nein sagen. Oder sie haben Angst, durch ihre Eigenständigkeit Beziehungen zu gefährden.


Therapie kann in diesem Zusammenhang auch bedeuten, Menschen unabhängiger zu machen, doch vielmehr lädt sie dazu ein, die eigene innere Stimme wieder wahrzunehmen: Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen ernst zu nehmen und ihnen nach und nach mehr Vertrauen zu schenken.


Autonomie entwickelt sich nicht gegen andere Menschen.

Sie wächst dort, wo wir erleben, dass wir uns selbst treu bleiben dürfen und Beziehung dennoch möglich und wichtig bleibt.



Ein abschließender Gedanke


Wir denken vielleicht, Autonomie bedeutet, immer stark, entschlossen oder unabhängig zu sein. Doch sie zeigt sich gerne in ganz kleinen Momenten:

Dann, wenn wir den Mut finden, eine Grenze auszusprechen.

Eine eigene Entscheidung zu treffen.

Oder ehrlich zu sagen, was wir fühlen.


Der eigene Weg zeigt sich dort, wo wir unserer inneren Stimme mehr vertrauen als der Angst, anderen nicht zu genügen.

Wenn wir unsere eigenen Schritte gehen.

Auf unsere Art.

In unserem Tempo.



 
 
 

Kommentare


Therapiezentrum Lenaugasse 17/2/20, 1080 Wien

AT36 2011 1853 3983 0500

  • Instagram
  • Facebook

©2026 Leo Janda, Psychotherapeut (PP), Humanistische Therapie
Videoproduktion: Ahoi Visuals, Kevin Seethaler-Pahr

bottom of page