Acht Lebensfragen – (4) Kompetenz
- Leo Janda

- vor 15 Minuten
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Bin ich gut genug?
Vertrauen. Autonomie. Initiative.
Drei Erfahrungen, die uns in den ersten Jahren unseres Lebens begleiten und die Erik Erikson als grundlegende Entwicklungsschritte beschreibt. Zuerst geht es um die Erfahrung, dass die Welt verlässlich sein kann. Dann darum, einen eigenen Willen zu entwickeln und sich als eigenständiger Mensch zu erleben. Schließlich entsteht der Mut, eigene Ideen und Wünsche in die Welt zu bringen und Raum einzunehmen.
Doch irgendwann reicht es nicht mehr, etwas beginnen zu wollen. Wir möchten erleben, dass wir etwas können. Und damit taucht eine neue Frage auf:
Bin ich gut genug?
Kompetenz – die Freude am Können
Erikson beschreibt die vierte Entwicklungsphase als Werksinn versus Minderwertigkeitsgefühl. Sie fällt ungefähr in das Grundschulalter – jene Zeit, in der Kinder zunehmend entdecken, dass Fähigkeiten nicht einfach vorhanden sind, sondern wachsen können.
Sie lernen Lesen, Schreiben und Rechnen. Sie bauen, malen, basteln, spielen, üben und probieren aus. Sie vergleichen sich mit anderen und beginnen zu erkennen, dass Anstrengung etwas verändert.
Aus „Ich kann das noch nicht“ kann irgendwann „Nun kann ich es“ werden.
Darin liegt der Kern von Kompetenz: die Erfahrung, dass das eigene Tun Wirkung und Erfolg hat. Dass man etwas lernen kann. Dass Übung einen Unterschied macht. Dass aus einem ersten, vielleicht noch unbeholfenen Versuch mit der Zeit etwas entstehen kann, auf das man stolz ist. Dann wird daraus der Werksinn wie ihn Erikson verstand: die Fähigkeit, dranzubleiben, sich an einer Aufgabe zu orientieren und die eigenen Fähigkeiten durch Übung weiterzuentwickeln.
Ein Kind erlebt:
„Ich kann etwas.“
Doch so wichtig und wertvoll diese Erfahrung auch ist, kommt damit auch eine andere Möglichkeit ins Spiel:
„Vielleicht kann ich es nicht.“
Wenn Können zur Frage des eigenen Wertes wird
Kinder beobachten sehr genau, wie ihre Leistungen aufgenommen werden. Sie erleben Ermutigung, Anerkennung und Interesse – aber auch Enttäuschung, Vergleiche, Kritik oder Abwertung.
Aus einzelnen Erfahrungen kann sich allmählich ein inneres Bild entwickeln.
„Ich bin jemand, der Dinge lernen kann.“
Oder:
„Andere können das besser als ich.“
Im ungünstigen Fall wird aus einer konkreten Erfahrung des Nichtkönnens eine Aussage über die eigene Person:
„Ich kann das nicht“ wird dann zu „Ich bin nicht gut genug.“
Hier beginnt das Minderwertigkeitsgefühl, von dem Erikson spricht. Dabei geht es nicht darum, dass wir immer erfolgreich sein müssten. Im Gegenteil: Kompetenz braucht auch die Erfahrung, etwas zunächst nicht zu können. Entscheidend ist, was daraus folgt.
Kann ich einen Fehler machen und es noch einmal versuchen? Kann ich etwas üben, ohne mich dafür zu schämen, dass ich es noch nicht beherrsche? Kann ich erleben, dass meine Anstrengung etwas verändert?
Oder lerne ich, dass mein Wert davon abhängt, wie gut ich im Vergleich zu anderen abschneide?
Die leise Frage, die uns auch weiterhin beschäftigt
Die Frage „Bin ich gut genug?“ verschwindet nicht mit der Kindheit. Sie schlägt ihre Wurzeln tief in unser Erwachsenenleben hinein. Wir finden sie in der Arbeit, wenn wir uns fragen, ob unsere Leistung ausreicht. In Beziehungen, wenn wir glauben, jemand anderes könnte einen besseren Partner abgeben. In kreativen Projekten, wenn wir unsere ersten Versuche sofort mit den fertigen Werken anderer vergleichen.
Und manchmal zeigt sie sich auch als Perfektionismus. Dann wird jeder Fehler bedeutsam, jede Schwäche wird zum Beweis gegen uns selbst. Das eigene Können muss immer wieder bestätigt werden, weil darunter eine viel grundlegendere Unsicherheit liegt:
Bin ich auch dann in Ordnung, wenn ich etwas nicht kann?
Gerade Soziale Medien können diese Unsicherheit verstärken. Wir sehen die fertigen Bilder, die Erfolge, die besonderen Leistungen anderer – aber kaum die unzähligen Versuche, Umwege und Fehlschläge, die ihnen vorausgegangen sind. Wir vergleichen unseren Anfang mit dem sichtbaren Ergebnis eines anderen. Und verlieren dabei leicht den Blick für unseren eigenen Weg.
Können wächst durch Erfahrung
Kompetenz lässt sich nicht einfach durch Zuspruch herstellen.
„Du bist gut genug“ kann eine wichtige Botschaft sein. Aber Selbstvertrauen wird besonders dort tragfähig, wo wir es erleben.
Ich habe etwas ausprobiert.
Es hat nicht funktioniert.
Ich habe etwas verändert.
Ich habe es noch einmal versucht.
Und irgendwann konnte ich es.
Solche Erfahrungen hinterlassen etwas in uns. Sie zeigen, dass wir lernen können. Dass Schwierigkeiten nicht automatisch Grenzen bedeuten. Dass wir uns entwickeln können, wenn wir uns die Zeit dafür geben.
Vielleicht ist das eine der wertvollsten Erfahrungen, die wir aus dieser Entwicklungsphase mitnehmen können:
Ich muss noch nicht alles können … ich darf es lernen.
Was wir herstellen, muss kein Gegenstand sein
Eriksons Begriff des „Werksinns“ klingt zunächst sperrig und nach Leistung und Produktivität. Nach etwas, das man herstellen, zeigen oder messen kann. Doch unser „Werk“ kann sehr unterschiedliche Formen annehmen: Es kann ein Beruf sein, ein Handwerk, ein Bild, ein Musikstück oder ein Projekt. Aber auch eine Atmosphäre, die wir schaffen. Eine Beziehung, die wir gestalten. Ein Kind, das wir begleiten. Ein Mensch, dem wir Sicherheit geben. Eine Idee, die wir entwickeln. Eine Fähigkeit, die wir über Jahre kultivieren.
Dem gemeinsam ist das Erleben von
Unser Tun hinterlässt Spuren.
Und auch das gehört zum Werksinn: die Erfahrung, dass etwas, das vorher noch nicht da war, durch unser eigenes Zutun entstehen kann.
Was bedeutet das für Psychotherapie?
In der Psychotherapie begegnen wir der Frage nach dem eigenen Können oft dort, wo Menschen den Zugang zu ihren Fähigkeiten verloren haben. Sie sehen, was ihnen nicht gelingt, deutlicher als das, was sie bereits geschafft haben. Sie nehmen ihre Fehler ernst und ihre Fortschritte kaum wahr. Sie setzen sich hohe Maßstäbe und erleben gleichzeitig wenig innere Anerkennung.
Dann kann es hilfreich sein, den Blick zurück auf die eigene Entwicklung zu richten:
Was habe ich bereits gelernt?
Welche Schwierigkeiten habe ich bewältigt?
Was konnte ich früher noch nicht, was heute selbstverständlich ist?
Wo habe ich durchgehalten?
Und was würde vielleicht möglich werden, wenn ich mir zugestehe, wieder Anfänger zu sein?
Therapie kann dabei helfen, den eigenen Wert langsam von der erbrachten Leistung zu entkoppeln – denn wir sind nicht erst dann wertvoll, wenn wir etwas besonders gut können.
Und gerade aus dieser Sicherheit können wieder Mut und Freiheit entstehen, etwas auszuprobieren, Fehler zu machen und weiterzulernen.
Der eigene Weg muss nicht perfekt sein
Kompetenz bedeutet nicht, möglichst viel möglichst gut zu leisten. Sie beschreibt eine Erfahrung, die tiefer reicht:
Ich kann lernen.
Ich kann üben.
Ich kann mich entwickeln.
Ich kann etwas erschaffen.
Und vielleicht müssen wir deshalb nicht immer fragen:
„Bin ich gut genug?“
Sondern verändern die Frage, um sie noch mehr zu unserer ganz eigenen zu machen:
„Was möchte ich als Nächstes lernen? ... (Wenn ich mir erlaube, noch nicht gut darin zu sein)“
Denn der eigene Weg wird nicht dadurch weiter, dass wir bereits alles können.
Er wird weiter, wenn wir uns zutrauen, weiterzulernen und damit in eine größere Version von uns selbst hineinzuwachsen.




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