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Acht Lebensfragen – (1) Urvertrauen

Kann ich der Welt vertrauen?


Jeder Mensch stellt sich im Laufe seines Lebens Fragen, die tiefer reichen als Entscheidungen über Beruf, Partnerschaft oder Wohnort. Es sind Fragen, die oft schon lange in uns wirken, bevor wir Worte für sie finden. Sie begleiten uns durch Krisen, Beziehungen und Veränderungen und prägen, wie wir die Welt erleben.


Der Entwicklungspsychologe Erik H. Erikson widmete diesen Fragen einen großen Teil seines Lebens. Aus jahrzehntelanger Forschung entwickelte er ein Modell, das bis heute zu den bedeutendsten der Entwicklungspsychologie zählt. Er beschrieb acht Lebensphasen, in denen wir jeweils einer zentralen Entwicklungsaufgabe begegnen.


Gelingt es uns, eine Antwort auf diese Aufgabe zu finden, wachsen innere Ressourcen wie Vertrauen, Autonomie oder Verbundenheit. Bleiben Fragen offen, begleiten sie uns häufig weiter – nicht als Schicksal, sondern als Einladung, ihnen später im Leben erneut zu begegnen.


Diese Serie greift Eriksons Gedanken auf und übersetzt sie in acht Lebensfragen. Die erste lautet: „Kann ich der Welt vertrauen?“



Der Beginn von Vertrauen


Nach Erikson (und bestätigt durch neueste Erkenntnisse aus Säuglingsforschung und Bindungstheorie) entsteht diese Frage bereits in den ersten Lebensmonaten: Ein Säugling erlebt Hunger, Müdigkeit, Nähe, Trost oder Angst zunächst unmittelbar. Er ist vollständig darauf angewiesen, dass jemand seine Bedürfnisse wahrnimmt und darauf antwortet.

Urvertrauen wächst deshalb nicht durch einen einzelnen liebevollen Moment, es entwickelt sich langsam aus vielen kleinen Erfahrungen, in denen ein Kind erlebt:

Ich werde gesehen. Meine Bedürfnisse sind wichtig. Auf mein Erleben antwortet jemand.

Aus diesen Erfahrungen entsteht nach und nach ein tiefes Gefühl von Sicherheit. Nicht die Überzeugung, dass das Leben immer einfach oder vorhersehbar sein wird, sondern die Erfahrung, dass Schwierigkeiten getragen und bewältigt werden können.


Gleichzeitig wächst noch etwas anderes: das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Ein Kind lernt, dass seine Gefühle ernst genommen werden und seine innere Welt Bedeutung hat.



Wenn Vertrauen erschüttert wird


Nicht jeder Mensch macht diese Erfahrungen in ausreichendem Maß. Wer über längere Zeit erlebt, dass Bedürfnisse übergangen, Beziehungen unberechenbar oder Nähe mit Angst verbunden sind, entwickelt eine größere Vorsicht gegenüber der Welt.


Misstrauen ist dabei eine Bewältigungsstrategie und kein persönlicher Fehler.

Oft war es einmal eine sinnvolle Anpassung an Erfahrungen, in denen Sicherheit gefehlt hat.


Gerade deshalb begegnen uns Menschen später mit sehr unterschiedlichen Grundhaltungen. Manche können sich leicht auf Beziehungen einlassen und Neues ausprobieren; Andere bleiben zunächst zurückhaltend, prüfen Situationen sorgfältig oder erwarten eher Enttäuschung als Unterstützung.


Beides erzählt eine Geschichte.



Eine Lebensfrage, die bleibt


Erikson verstand Urvertrauen nie als etwas, das ausschließlich in der Kindheit entschieden wird. Die Frage „Kann ich der Welt vertrauen?“ begegnet uns immer wieder.


Sie zeigt sich, wenn wir nach einer Enttäuschung erneut Nähe zulassen.

Wenn wir nach einer Krise wieder Hoffnung entwickeln.

Wenn wir Hilfe suchen und annehmen.

Oder wenn wir trotz Unsicherheit den nächsten Schritt wagen.


Jede neue Beziehung und jede Erfahrung von Verlässlichkeit kann dazu beitragen, dass Vertrauen weiter wächst. Unsere frühen Erfahrungen prägen uns – Sie legen unseren Weg jedoch nicht endgültig fest.



Vertrauen wächst in Erfahrungen


Vertrauen entsteht selten durch gute Vorsätze. Auch Einsicht allein genügt meist nicht. Wir können verstehen, warum wir vorsichtig geworden sind, warum wir Beziehungen misstrauen oder weshalb wir Schwierigkeiten haben, Hilfe anzunehmen. Dieses Verstehen ist oft ein wichtiger erster Schritt. Es verändert jedoch noch nicht automatisch unser inneres Erleben.


Vertrauen wächst dort, wo wir neue Erfahrungen machen. Erfahrungen, in denen unsere Wahrnehmung ernst genommen wird. In denen unsere Gefühle Raum haben, ohne bewertet oder abgewertet zu werden. In denen unsere Grenzen geachtet werden und wir erleben dürfen, dass Beziehung nicht mit Kontrolle, Beschämung oder Enttäuschung verbunden sein muss.


Solche Erfahrungen wirken oft leise und unbemerkt. Sie entstehen nicht durch einzelne große Ereignisse, sondern durch viele kleine Momente, die sich allmählich zu einem neuen inneren Bild verbinden. Mit jeder verlässlichen Begegnung kann unser Nervensystem ein wenig mehr lernen, dass die Gegenwart nicht zwangsläufig der Vergangenheit folgen muss. Dass Menschen unterschiedlich sind. Dass Nähe auch Sicherheit bedeuten kann. Und dass wir der eigenen Wahrnehmung wieder etwas mehr vertrauen dürfen.


Gerade deshalb kann auch eine therapeutische Beziehung bedeutsam werden. Sie verändert nicht die Vergangenheit oder macht sie ungeschehen, aber sie schafft einen Raum, in dem neue Beziehungserfahrungen möglich werden. Ein Raum, in dem wir uns zeigen dürfen, ohne eine Rolle spielen zu müssen. In dem wir erleben können, dass Zuhören, Verlässlichkeit und echtes Interesse keine Ausnahme bleiben müssen. Schritt für Schritt kann sich dadurch auch unser bisheriges Bild von uns selbst und von der Welt erweitern.


Entwicklung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, die Vergangenheit zu vergessen. Sie bedeutet, ihr nicht länger allein die Deutungshoheit über unsere Gegenwart zu überlassen.

Unsere Geschichte bleibt Teil von uns. Doch sie muss nicht die einzige Antwort darauf sein, wie wir heute leben, fühlen und Beziehungen gestalten.



Ein abschließender Gedanke


Urvertrauen verhindert nicht, dass wir im Leben enttäuscht werden. Es hilft aber, trotz aller Erfahrungen die Möglichkeit offen zu halten, dass das Leben auch trägt.


Vertrauen wächst selten auf einmal. Es entwickelt sich Schritt für Schritt – in Begegnungen, in Erfahrungen und durchaus auch in den kleinen Entscheidungen des Alltags.


Manchmal beginnt es genau dort, wo wir den Mut finden, den nächsten Schritt zu gehen, auch wenn wir den ganzen Weg noch nicht kennen.


 
 
 

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