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Acht Lebensfragen – (8) Integrität

vor 10 Minuten
6 Min. Lesezeit

Kann ich mein Leben annehmen?




Sieben Fragen haben uns bisher durch unterschiedliche Bewegungen des Lebens begleitet. Wir haben uns gefragt, ob wir der Welt vertrauen können, ob wir unseren eigenen Weg gehen dürfen, ob wir Raum einnehmen und etwas lernen können. Wir haben uns damit beschäftigt, wer wir sind, ob wir uns auf andere Menschen wirklich einlassen können und schließlich, was wir von dem, was wir selbst erfahren und gelernt haben, an andere weitergeben möchten.


Mit der achten und letzten Lebensfrage verändert sich die Perspektive noch einmal. Der Blick richtet sich zurück auf das eigene Leben – auf das, was daraus geworden ist, auf die Entscheidungen, die wir getroffen haben, auf die Beziehungen, die uns geprägt haben, und auch auf die Möglichkeiten, die wir ergriffen oder versäumt haben.


Die Frage lautet:

„Kann ich mein Leben in seiner Gesamtheit annehmen?“



Integrität – das eigene Leben als Ganzes sehen


Erik Erikson beschreibt die letzte Entwicklungsphase als Integrität versus Verzweiflung. Sie ist vor allem mit dem höheren Lebensalter verbunden und bildet gewissermaßen den Abschluss seines Entwicklungsmodells.


Mit Integrität meint Erikson eine Form von innerer Ganzheit. Es geht um die Fähigkeit, das eigene Leben als zusammenhängend und als das eigene anzuerkennen. Dabei bedeutet Integrität nicht unbedingt, mit allem zufrieden sein zu müssen oder rückblickend jede Entscheidung gutzuheißen.


Ein Leben kann Beziehungen enthalten, die gescheitert sind, Entscheidungen, die wir später bereut haben, Verluste, Schuld, verpasste Möglichkeiten und Zeiten, in denen wir uns selbst oder anderen nicht gerecht geworden sind. Da sind vielleicht viele mit Scham beladene Erfahrungen, doch auch sie gehören zu unserer Lebensgeschichte.


Integrität bedeutet, diese widersprüchlichen Seiten des eigenen Lebens wie ein vielfältiges Gewebe in uns halten zu können.


Jeder Faden davon – das Gelebte – muss nicht nachträglich schön oder sinnvoll gemacht werden, es darf so gewesen sein, wie es war. Mit allem, was darin gelungen ist, und auch mit allem, was unvollendet geblieben ist.



Jedes Leben enthält auch ungelebte Möglichkeiten


Wenn wir auf unsere Geschichte zurückblicken, begegnen uns nicht nur Erinnerungen an das, was tatsächlich geschehen ist. Wir begegnen auch Möglichkeiten, die nie verwirklicht wurden.


Wir hätten einen anderen Beruf wählen können. Eine andere Beziehung eingehen. An einem anderen Ort leben. Früher eine wichtige Entscheidung treffen. Einen Menschen anders behandeln. Uns selbst an manchen Stellen mehr vertrauen.


Mit zunehmendem Alter kann deutlich werden, dass uns manche dieser Möglichkeiten heute nicht mehr offenstehen. Das kann schmerzhaft sein, denn ein großer Teil des Lebens bestand aus dem beflügelnden Gefühl, dass noch vieles möglich ist. Irgendwann wird jedoch spürbar, dass manche Wege nicht mehr gegangen werden können.


Daraus kann Verzweiflung entstehen. Sie kann sich als Bitterkeit, Bedauern oder als Reue zeigen, weil das eigene Leben hinter den vorhandenen Möglichkeiten zurückgeblieben ist.


Vielleicht taucht dann die eindringliche Frage auf:


„Hätte mein Leben auch anders sein können?“

Die Antwort darauf ist vermutlich immer: Ja.

Aber daraus folgt nicht zwingend, dass das eigene Leben deshalb nicht gelungen ist.



Annehmen: Auch ohne alles gut finden zu müssen.


Gerade hier liegt ein wichtiges Loslassen: Sein Leben anzunehmen bedeutet nicht, jede Erfahrung zu versöhnen oder mit allem Frieden schließen zu müssen.


Es gibt Dinge, die wir bereuen dürfen. Beziehungen, unter denen wir gelitten haben. Entscheidungen, deren Folgen wir heute anders beurteilen. Verluste, die schmerzhaft bleiben. Erfahrungen, die wir lieber nicht gemacht hätten.

All das darf Teil unserer Geschichte sein.


Annahme bedeutet vielmehr, den Widerstand gegen die Tatsache aufzugeben, dass es so gewesen ist. Wir können die Vergangenheit nicht verändern. Wir können aber unsere Beziehung zu ihr beeinflussen.


Eine frühere Entscheidung muss deshalb nicht plötzlich richtig werden. Ein Verlust muss keine nachträgliche Bedeutung bekommen. Und eine schmerzhafte Erfahrung muss nicht zu etwas Positivem umgedeutet werden.


Es genügt manchmal, sagen zu können:

„Das alles gehört zu meiner Geschichte.“



Was hätte ich anders machen können?


Im Rückblick beurteilen wir unser früheres Handeln häufig mit einem Wissen, das wir damals noch nicht hatten. Wir wissen heute, wie sich eine Beziehung entwickelt hat. Wir kennen die Folgen einer Entscheidung. Wir haben Erfahrungen gemacht, die uns damals noch gefehlt haben und die unser Handeln sehr wahrscheinlich verändert hätten.


Dadurch kann leicht der Eindruck entstehen, wir hätten es eigentlich besser wissen müssen.

Wir können aber auch wohlwollend den Menschen betrachten, der wir damals waren: Mit unserem damaligen Wissen, unseren Bedürfnissen, unseren Ängsten, unseren Optionen und unseren Begrenzungen.


Wir bleiben dabei in unserer Verantwortung, können aber die eigene Vergangenheit dennoch milde und mit mehr Verständnis betrachten: Vielleicht war manches ein Fehler. Vielleicht haben wir anderen Menschen wehgetan. Vielleicht sind wir uns selbst lange im Weg gestanden.

Und trotzdem waren wir immer der Mensch, der zu diesem Zeitpunkt mit den Möglichkeiten gehandelt hat, die ihm zur Verfügung standen.


Auch das kann ein Teil von Integrität sein: den Menschen, der wir damals waren, mit dem Wissen von heute zu verstehen.



Der Umgang mit Veränderung


Die letzte Lebensphase bringt häufig Veränderungen mit sich, die das bisherige Selbstverständnis erschüttern können. Der Beruf endet, Kinder gehen ihre eigenen Wege, körperliche Fähigkeiten verändern sich und Menschen, die uns lange begleitet haben, verabschieden sich für immer.


Damit können auch Rollen verschwinden, die über Jahrzehnte selbstverständlich waren und uns Halt gaben. Dann kann die Frage auftauchen, wer wir eigentlich sind, wenn bestimmte Aufgaben nun nicht mehr erfüllt werden können.


Diese Erfahrung verbindet die achte Lebensfrage noch einmal mit den früheren Stationen unseres Weges. Wir haben uns bereits gefragt, wer wir sind, was wir können und wie wir mit anderen verbunden sind. Nun stellt sich die Frage, ob wir auch dann ein Gefühl für unsere eigene Person bewahren können, wenn sich vieles gewandelt hat, worüber wir uns bisher definierten.


Integrität bedeutet dabei auch, das eigene Leben nicht auf einzelne Rollen oder Leistungen zu reduzieren.


Wir sind mehr als unser Beruf, mehr als unsere körperlichen Möglichkeiten und mehr als das, was wir für andere Menschen getan haben.

Wir sind der Mensch, der dieses Leben gelebt hat.



Die Endlichkeit des Lebens


Zur letzten Entwicklungsphase gehört auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Das Bewusstsein, dass das Leben begrenzt ist, kann Angst machen. Gleichzeitig kann gerade diese Begrenztheit den Blick auf das bereits gelebte Leben verändern: Wir müssen nicht mehr jede Möglichkeit verwirklichen. Wir können nicht mehr alle offenen Fragen beantworten und nicht jede belastete Beziehung reparieren. Irgendwann wird deutlich, dass unser Leben möglicherweise unvollständig bleiben wird.


Erikson verbindet hier Integrität mit einer besonderen Form von Weisheit: Die Fähigkeit, die Begrenztheit des eigenen Lebens anzuerkennen, ohne deshalb seinen Wert infrage zu stellen. Ein Leben muss nicht alles enthalten, was möglich gewesen wäre, um ein ganzes Leben zu sein. Es darf Grenzen und Brüche haben. Es darf Stränge geben, die offenbleiben.


Ein Leben kann unvollkommen und zugleich ganz sein.


Was bedeutet das für Psychotherapie?


Menschen können an unterschiedlichen Punkten ihres Lebens mit dieser Frage in Berührung kommen. Manchmal geschieht es im höheren Alter, manchmal aber auch bereits früher – nach einem Verlust, einer schweren Erkrankung, einer Trennung oder einem anderen Übergang, der dazu führt, dass das eigene Leben plötzlich aus einer anderen, deutlich größeren Perspektive betrachtet wird.


Dann können Fragen auftauchen wie:

Was war mir wirklich wichtig? Was bereue ich? Was möchte ich noch verändern? Was kann ich nicht mehr beeinflussen? Was habe ich anderen Menschen gegeben? Und was möchte ich vielleicht noch sagen oder weitergeben?


Psychotherapie kann helfen, die eigene Lebensgeschichte zu erzählen und dabei neu zu betrachten. Nicht um die Vergangenheit umzuschreiben, sondern um ihr einen würdigen Platz im eigenen Leben zu geben.


Dabei kann sich auch der Blick auf frühere Erfahrungen verändern. Eine Entscheidung, die uns heute unverständlich erscheint, kann aus der damaligen Situation heraus nachvollziehbar werden. Eine alte Verletzung kann einen anderen Platz bekommen. Und etwas, das wir lange als persönliches Scheitern betrachtet haben, kann sich vielleicht als Teil einer größeren Entwicklung zeigen.


Die Vergangenheit verändert sich dadurch nicht – aber unsere Beziehung zu ihr kann sich neu definieren.



Der Kreis schließt sich


Wir haben am Anfang gefragt:

„Kann ich der Welt vertrauen?“


Und nun:

„Kann ich mein Leben annehmen?“


Hier zeigt sich etwas Wesentliches an Eriksons Entwicklungsmodell: Die Lebensfragen verschwinden nicht einfach, wenn eine neue Entwicklungsphase beginnt. Sie bleiben miteinander verbunden und tauchen im Laufe unseres Lebens immer wieder auf – mit neuen Erfahrungen und oft auch mit neuen Antworten.


Vertrauen beeinflusst unsere Beziehungen. Autonomie prägt unsere Identität. Identität ermöglicht Intimität. Intimität schafft Raum für Generativität. Und das, was wir weitergeben, wird wiederum Teil der Lebensgeschichte anderer Menschen.


So sind die acht Lebensfragen weniger ein geradliniger Entwicklungsplan als ein Zusammenhang, zu dem wir immer wieder zurückkehren können.


Der lange Faden des eigenen Lebens


In diesem Sinne bedeutet Ich-Integrität für Erikson, das eigene Leben in seiner aus dem anfänglichen Vertrauen gewachsenen Sicherheit heraus letztendlich als sinnerfüllt zu begreifen.


Es war nicht alles, was hätte sein können. Es war nicht immer leicht und nicht immer so, wie man es sich gewünscht hätte. Und doch ist aus all diesen Erfahrungen eine unverwechselbare eigene Geschichte geworden.


Ich habe Entscheidungen getroffen, Menschen geliebt und verloren, Dinge versucht, manches geschafft und anderes versäumt. Ich habe mich verändert und bin dabei doch derselbe Mensch geblieben.

Das eigene Leben anzunehmen bedeutet, all diese Erfahrungen zu einer Geschichte zu verdichten. Auch die Umwege, die Brüche und das Unvollendete gehören dazu. Ich muss daraus kein perfektes Leben machen. Es ist dennoch unverwechselbar und einzigartig meine Erzählung.


Und genau das sind die Momente, in denen aus einem verdichtenden Rückblick auf den eigenen Weg eine innere Akzeptanz wird, durch die selbst der Tod seinen Stachel verliert.


 
 
 

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