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Sexualität

Das Interesse an Sexualität begleitet Menschen seit ewiger Zeit, und sei es nur in seiner evolutionären Funktion zur Fortpflanzung unserer Spezies. Heute jedoch betrachten wir Sexualität wesentlich breiter: als Bedürfnisbefriedigung, Entspannungstechnik, lustvolles Spiel- und Selbsterfahrungsfeld, Machtinstrument, Motivationsunterstützung in der Werbung, spirituellen Erkenntnisweg oder als Erfüllung einer partnerschaftlichen Pflicht.

Sie berührt so sensible Bereiche wie unseren Umgang mit Grenzen, mit Bedürfnissen und Fantasien, Ängsten aber auch Möglichkeiten, diese zu überwinden. In manchen kulturellen Kontexten wird sie durch Vorgaben stark reglementiert, in unserer westlichen Kultur sind wir jedoch eher stolz darauf, sie immer mehr aus dem Bereich des Verborgenen und des Tabus in die Freiheit zu bringen und dort offener denn je zu erleben.


Sexualität ist in vielfacher Hinsicht ein Bereich der Verletzlichkeit: Es geht um Nacktsein (äußerlich wie innerlich) und bringt uns mit wichtigen Aspekten unserer Selbstbestimmung oder eben ihrer Preisgabe in Kontakt: "Bin ich bereit?", "Was will ich erleben und wo ist meine Grenze?", "Werde ich in meinen Bedürfnissen gesehen?", "Wo übernehme ich Verantwortung für die Bedürfnisse der anderen?"

Eine sehr wichtige Errungenschaft unserer Zeit ist deshalb der gemeinsame Konsens, der zwei oder mehrere Menschen dazu führt, sich sexuell zu begegnen. Es ist die ausgesprochene Bereitschaft, sich intim, achtsam und eigenverantwortlich aufeinander einzulassen und dabei die Würde und Selbstbestimmung des Gegenübers zu respektieren.


Über die körperlichen Vorgänge in der Sexualität haben wir seit den Forschungen des Amerikaners Alfred Kinsey (1894-1956) viel dazugelernt. Sexualität erfüllt jedoch auch viele Aufgaben im Dienste unserer emotionalen Selbstregulation: Wir schaffen dadurch Möglichkeiten der Verbundenheit und Intimität, erleben sinnliche Reize, Berührung und Stimulation, regulieren Nähe und Distanz zu wichtigen Bezugspersonen und können die auf- und absteigenden Wellen von Lust und Ekstase genießen und unsere Alltagsrealität dadurch genussvoller werden lassen.

„Es bedeutet bewusstes und liebevolles Zugehen auf den anderen und behutsames Eindringen in sein Inneres oder behutsames Umfassen und Aufnehmen des andern, eine temporäre Verschmelzung und ein temporäres Einswerden mit dem anderen ohne völlige Selbstaufgabe, das auch körperliche Mitschwingen mit dem Erleben des anderen, das diesen sich selbst umso mehr spüren lässt.“ (Peter Schmid, 1996)

Eine spezielle Perspektive bietet der vedische Tantrismus an: In dieser altindischen Philosophie die in ihren Einflüssen mehr als drei Jahrtausende zurückreicht, wird der spirituelle Weg der Selbstentfaltung über die sinnliche Verbindung zum Körper angestrebt und nicht über die Abkehr vom Körperlichen wie in den abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam). Damit ist auch in den heutigen Strömungen des neuzeitlichen Tantra eine Gegenbewegung zur körperfeindlichen Haltung unserer christlich geprägten Vorgeschichte zu finden — Zuwendung zur Sinneserfahrung und damit verbunden eine hohe Achtsamkeit in der Begegnung.


„So verstanden ist der Sexualakt keine Bedürfnisbefriedigung, die genitale Umarmung ist Hingabe an das eigene Selbst und das des Anderen.“ (Teichmann-Wirth, 1992)

Sexualität spannt somit einen großen Bogen: Von den ältesten biologischen Trieben unserer Menschheitsgeschichte bis zur hochspirituellen Kunstform, die nach Hingabe und Transzendenz strebt. In diesem riesigen Spektrum können wir heute unsere ganz individuelle und erlebnisoffene Möglichkeit der Selbstverwirklichung finden — Konsens zwischen den Beteiligten immer vorausgesetzt.


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