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Langeweile






Es gibt in unserer heutigen Zeit wenige Emotionen, die so vehement abgewehrt werden wie die Langeweile — völlig zu unrecht, wie ich meine. Es gibt ganze Wirtschaftszweige, die sich damit beschäftigen, uns mit "Action", mit auf- und anregenden Inhalten sowie mit spannender Unterhaltung zu versorgen, kurz: mit Stimulation.


Man kann über die Langeweile nur schwer sprechen, ohne auch ihr Gegenteil zu erwähnen: das Interesse, eine Emotion, die uns aktiviert und in Bewegung hält. Ohne Interesse fühlen wir uns öde, lustlos, monoton, leer, ohne Antrieb und Motivation — die Welt sagt uns dann nichts und wir sagen ihr auch nichts.

Wenn wir aber das Wagnis eingehen, uns dieser Langeweile und der damit verbundenen Leere zuzuwenden (was eine wichtige Aufgabe der Psychotherapie ist), kann genau dieses Interesse von "Wer bin ich und was hat diese Langeweile zu bedeuten?" zu einer lohnenden Reise werden, die wieder zum Kontakt mit uns selbst führt.


Wichtige Fragen wenn wir uns auf diese Reise einlassen, könnten beispielsweise sein:

  • Welche Interessen habe ich verdrängt, weil sie vielleicht früher nicht sozial akzeptiert/erwünscht waren?

  • Was macht mir Freude?

  • Was möchte aus mir heraus entstehen und zur aktiven Schöpfung werden?

  • Wohin führt mich meine Fantasie und mein imaginierendes Denken?

  • Was möchte in mir sinnlich und voller Leidenschaft gespürt werden?

Langeweile führt also — wenn wir uns ihr interessiert zuwenden — fast immer zu einem schöpferischen Prozess, und idealerweise zu einer wichtigen Erkenntnis über uns selbst:


"Ich bin ein interessanter Mensch in einer interessanten Welt"

Sehr oft spielen dabei jedoch auch Erfahrungen aus der frühen Kindheit eine Rolle und die Tatsache, ob sich in jungen Jahren jemand für uns interessiert hat. Hatten wir ausreichend Zeit und Gelegenheit, die Welt in unserem Rhythmus zu explorieren und konnten dabei die Freude erleben, die uns begleitet und weiter angetrieben hat? Durften wir die Lebendigkeit spüren, die sich dabei in uns ausgebreitet hat und wurde diese wertschätzend beachtet? Wie gehen wir heute mit unseren Wünschen und Sehnsüchten um? Finden wir Möglichkeiten, diese in unserem Alltag aus Routinen, herausforderungen und Verpflichtungen ebenfalls zu integrieren?


Die Aussage "Ich langweile mich" enthält ja meist auch einen Vorwurf an die Welt: "Stimuliere mich, unterhalte mich!" Möglicherweise liegt darin aber auch eine Erwartung an die Welt, die diese gar nicht so absolut erfüllen kann; Ein Gefühl der Ohnmacht und der Abhängigkeit kann sich in uns ausbreiten und uns bis zur Verzweiflung belasten. Wir fühlen uns dann möglicherweise einsam und verlassen, gekränkt, frustriert, müde, melancholisch und in der extremsten Form auch inkompetent und wertlos.


Mit der Beschreibung dieser Gefühle geben wir uns in der Psychotherapie aber noch nicht zufrieden, wir wollen auch immer wieder anregen und den Handlungsspielraum erweitern. Somit kann es beispielsweise helfen, dem allgegenwärtigen Trend zur Beschleunigung und Unterhaltung hin und wieder entgegenzuwirken: langsamer zu werden, ruhiger, achtsamer, und dabei die kleinen, zarten Hinweise und Signale wieder wahrzunehmen, die unseren Wunsch nach Exploration anzeigen: Was sagt mir die Welt? Wo ruft sie mich? Wie kann ich mich auf diesen Ruf einlassen ohne mich dabei zu verlieren? Wo fühle ich mich unterfordert oder in meinem Forschen und Wirken eingeschränkt? Möchte ich eventuell mehr sein, als ich derzeit bin, mich größer erleben, über mich hinauswachsen? Worauf warte ich noch? Aber auch: Wo liegt eigentlich meine Leidenschaft? Langeweile kann immer wieder ein wertvoller Hinweis darauf sein, dass unser Wunsch nach Erweiterung, Entwicklung und Entfaltung zu kurz kommt, zu wenig beachtet wird. Letztendlich sind wir es selbst, die durch unseren Wunsch nach Wachstum und Reifung gefragt sind; Die Welt bietet uns lediglich die Gelegenheiten dafür an — und das in reichlicher Überfülle.


Eine positive Zuwendung zur Langeweile könnte sogar zu einem sehr genussvollen Erlebnis führen, das heute beinahe schon aus der Mode gekommen ist: die Muße; In ihr tauchen wir in die großzügig vorhandene freie Zeit ein, geben uns dem Sein und all den darin wohnenden Möglichkeiten hin und lassen entstehen, was sich in diesem Moment aus uns heraus entfalten möchte. Vom "Müssen" zur Muße.






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