Scham

Verbindung und Verbundenheit sind ein hohes Gut für uns Menschen. Anders als viele Säugetiere kommen wir Menschen "unfertig" zur Welt, das heißt, unsere Selbsterhaltungsfähigkeiten entwickeln sich in den ersten Jahren nach der Geburt erst im Laufe der ersten Jahre. Das hat viele Vor- und Nachteile. Einerseits bleiben wir dabei anpassungsfähig, um den jeweiligen Umweltbedingungen gut gerecht werden und möglichst flexibel darauf reagieren zu können; Andererseits sind wir dadurch abhängig von unserer Umgebung, von Menschen, die uns halten, nähren, schützen und die die Welt um uns herum erklärbar und verständlich machen, damit wir uns darin zurecht finden können.


Wir sind also schon zu Beginn Beziehungswesen — wir brauchen Beziehungen für unsere Sicherheit, unser Wohlbefinden und unser Wachstum — und bleiben es ein Leben lang. Beziehungen zu pflegen, heißt, in Verbindung zu bleiben. Verbindung ist der Garant für unser Wachstum, selbst wenn wir bereits so alt und selbstständig sind, dass wir für uns selbst sorgen können. Und hier kommt die Scham ins Spiel: Sie sorgt als "Wächter" dafür, dass wir die Verbindung zu anderen nicht verlieren. Sie fragt sich immer wieder: "Könnte durch dieses Sein, diese Handlung, diese Aussage meine Verbindung zu anderen gefährdet werden?"

Wenn ich beispielsweise eine wertvolle Vase zerbrochen habe, taucht nach dem ersten Schock vermutlich relativ schnell Scham auf: "Wenn das rauskommt, was ich gemacht habe ... wie werden die anderen darauf reagieren?" Die Versuchung ist vielleicht groß, darauf mit "Ich war das nicht!" zu reagieren und die Scherben schnell verschwinden zu lassen. Ähnlich wie bei der Vase stellen wir uns diese Frage auch in ganz alltäglichen Situationen und haben — je nach Vorerfahrung — unterschiedliche Strategien für unseren nächsten Schritt: Wegrennen, Verstecken, Angreifen. Vielleicht ist keine davon wirklich geeignet, angemessen mit der Situation umzugehen, aber sie stehen uns relativ schnell zur Verfügung und sind bereit, das Steuer zu übernehmen. Scham bringt uns dazu, etwas im Verborgenen zu halten, das sonst offensichtlich werden würde — immer im Dienste einer gesicherten Zugehörigkeit.


Ein natürlicher Umgang mit dieser Emotion wäre: Ich mache mich sichtbar und zeige mich verletzlich. Was vermutlich vor tausenden Jahren im Angesicht eines Tigers keinen Sinn gehabt hätte und tödlich ausgegangen wäre, führt in der heutigen Zeit und innerhalb unserer Beziehungen zu einem wichtigen Wachstumsschritt: Durch mein Zeigen und den Mut, zu meiner Verletzlichkeit zu stehen, entsteht Verbindung. Ich muss nicht perfekt sein, mir passieren Fehler ... und ich lerne daraus und genüge, weil ich gerade dadurch in Verbindung mit einer eigenen Lebendigkeit bin.


Und ganz nebenbei erschaffen wir dabei eine Realität, in der Verletzlichkeit und Scheitern ihren Platz haben und unserer Menschlichkeit eine neue gesellschaftliche Basis geben. Wir sind keine Superhelden — wir haben Grenzen und sind für das verantwortlich, was in unserem persönlichen Einflussbereich liegt, nicht mehr und nicht weniger. Sobald wir uns in unserer Verletzlichkeit sichtbar machen, erübrigt sich der strenge Wächter der Scham, er verliert an Bedeutung und Einfluss. Dann entscheiden wir selbst und ganz bewusst, was, wie viel und wem wir uns offenbaren, um dadurch authentische und lebendige Beziehungen zu gestalten.



© AI-created by Midjourney

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