Das Murmelglas
- Leo Janda

- 8. Sept. 2025
- 2 Min. Lesezeit

In Therapiesitzungen verwende ich manchmal Bilder dafür, um so komplexe Begriffe wie Vertrauen oder Selbstwert zu beschreiben und anschaulicher zu machen.
Eines dieser Bilder ist das "Murmelglas": Das Glas ist groß, vielleicht wie ein Glas, in dem ein Goldfisch schwimmen könnte. Es ist anfangs leer, doch es kommen immer wieder kleine und größere bunte Glasmurmeln hinein, solche, wie wir sie eventuell noch aus Kinderzeiten kennen, als wir damit gespielt hatten.
Jede Murmel steht für eine gute Erfahrung — Immer wenn wir etwas machen, das uns froh oder glücklich oder stolz macht, geben wir eine neue Murmel in unser Glas. Scheitern wir hingegen mit einem Vorhaben, nehmen wir gleich eine Handvoll Murmeln heraus (weil es sich meist so schlimm anfühlt, zu scheitern).
Das Gleichgewicht zwischen guten und schwierigen Erfahrungen bestimmt den Füllzustand unseres Murmelglases; Mit der Zeit wächst die Menge der Murmeln eventuell und das Glas fühlt sich satt und schwer an. Oder wir nehmen mehr heraus als wir hineingeben — dann befinden sich wenige Kugeln darin und das Glas wird sich leer anfühlen.
Das Murmelglas kann als Analogie für unser Vertrauen in uns und in die Welt verstanden werden: Immer wenn uns etwas gelingt, wird dieser Erfolg zu einer Murmel, die wir in unser inneres Glas geben; bei Misserfolgen greifen wir tief ins Glas und nehmen gleich wieder einige Murmeln heraus*. Die Summe dieser Erfahrungen wird zu einem Gefühl, das wir Selbstvertrauen nennen und das uns eher zuversichtlich oder eher zurückhaltend im Umgang mit der Welt sein lässt, je nach "Füllzustand" unseres inneren Murmelglases.
Gefüllt wird dieses Glas in der Kindheit von unseren Eltern und den wichtigen Bezugspersonen rund um uns. Als Erwachsene übernehmen wir dafür selbst die Verantwortung: Welche Erfolge ("Murmeln") nehme ich bewusst zu mir, welche "lasse ich liegen"? Wo nehme ich nach einem Scheitern eventuell zu viele Murmeln heraus?
So wie wir dieses Bild auf der Ebene des Selbst als Analogie für unser gefühltes Vertrauen oder unseren Selbstwert verwenden können, so können wir es genauso gut auf der Beziehungsebene in einer Partnerschaft oder einer Freundschaft verstehen: In diesen Fällen wäre es ein gemeinsames Murmelglas, in das beide Murmeln (Erfolge, schöne Erlebnisse) hineingeben und bei Konflikten auch gerne wieder einige herausnehmen. Oft stellt sich in der Paartherapie dann die berechtigte Frage: Wie viele Murmeln sind überhaupt noch im Glas des Vertrauens übrig — und wie können wir dafür sorgen, dass wieder neue hineinkommen?
Das Bild vom Glas macht auch deutlich, wie langsam und mühselig es sein kann, Vertrauen aufzubauen (Murmel für Murmel) und wie schnell es verloren geht, indem zu oft zu viele Murmeln aus dem Glas genommen werden.
*) zuständig für dieses Ungleichgewicht ist die Amygdala, ein Bereich in unserem Gehirn, der für die Verarbeitung bedrohlicher oder schmerzhafter Erfahrungen verantwortlich ist und uns aber auch davor bewahrt, dass wir Schaden erleiden.




Kommentare