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Beziehungen

Aktualisiert: 2. Aug. 2023

Ein zentraler Bestandteil unseres Lebens ist der Umgang mit Beziehungen. Im allgemeinen Sinne kennt sie jeder — und wäre zweifellos gar nicht am Leben ohne die wichtigsten ersten Bezugspersonen der eigenen Biografie. Aus diesen ersten Lebenserfahrungen entwickelt sich dann später die Fähigkeit heraus, mit uns selbst, wichtigen anderen Personen und der Welt im Ganzen in Beziehung zu gehen und in Verbindung zu bleiben.


Beziehungen prägen unser Heranwachsen, unsere Weltsicht, unser Grundvertrauen. Wenn es gelingt, als Kind gesunde, lebendige Beziehungen zu erleben und später zu finden oder zu gestalten, wird dies zu einer wichtigen Triebfeder unserer Entwicklung. Die wissenschaftliche Forschung zur Bindungstheorie zeigt, dass die Tendenz meist mit der Suche nach Sicherheit und Verlässlichkeit beginnt und von dort in Richtung Autonomie und Abenteuerlust geht. Das Schwingen zwischen diesen beiden Polen bleibt ein lebenslanges Spannungsfeld, in dem wir unsere Position immer wieder neu definieren.


Wichtige Merkmale geeigneter (förderlicher) Beziehungen sind:

  • Wertschätzung

  • Interesse und Zuwendung

  • Ehrliche Kommunikation von Gefühlen und Bedürfnissen

  • Gelungene, flexible Adaptierung von Nähe und Distanz

  • Schaffen und Aufrechterhalten von Verbundenheit


Ebenfalls wichtig ist eine gute Balance zwischen einer effektiven Selbstregulation ("Ich sorge gut für mich selbst.") und einer hilfreichen Co-Regulation ("Ich brauche dich, kann dich um Beistand bitten und schätze dein Angebot.").


All dies sind sogenannte Trainingskompetenzen, können also im Laufe des Lebens erworben, geübt und vertieft werden. Im Grunde können wir feststellen, dass Beziehungen in der heutigen Zeit weniger aus Motiven der existenziellen Absicherung eingegangen werden, als aus dem Bedürfnis, ein geeignetes Gegenüber zu finden, auf das man sich in seiner eigenen Entwicklung beziehen und verlassen kann. Probleme und Konflikte werden nicht vermieden sondern genutzt, um daraus zu lernen und daran zu wachsen — und je sicherer und beständiger diese Beziehung ist, desto größer die Möglichkeiten, auch tiefliegende Bedürfnisse und Sehnsüchte wahrzunehmen und akzeptierend in das eigene Leben zu integrieren.


Intimbeziehungen sind sowohl Zufluchtsort als auch Schmelztiegel für ein tiefergehendes, authentischeres Leben. aus: Robert A. Masters, „Transformation Through Intimacy"

Die Schweizer Psychologin Verena Kast hat in ihren Vorträgen über die Psychologie der Emotionen auch Überlegungen zur Liebe angestellt: So meint sie beispielsweise, dass wir in unseren Liebesbeziehungen immer auch etwas aus dem Anderen "herauslieben", also in die Entfaltung bringen, was dort bereits angelegt ist und was auf möglichst gute Bedingungen gewartet hat ("Türen öffnen") — was letztendlich das Potenzial jeder gesunden Beziehung ist: Ein Garten der beständigen Inspiration und Förderung, in dem wir wachsen, gedeihen und uns selbst und das Leben entdecken können. In diesem Sinne brauchen wir Beziehungen für unser Wachstum und unseren Reifungsprozess, wir sind in unserer genetisch-psychischen Ausstattung regelrecht darauf programmiert.


Alles, was diesen Ansprüchen an Beziehung nicht gerecht wird, wird uns möglicherweise klein und machtlos halten, unseren Selbstwert verringern und unsere Bedürfnisse beschneiden. Unsere gesunde Selbstachtung wird uns in diesem Fall daran erinnern, dass wir es wert sind, für uns und unsere (guten) Beziehungen zu kämpfen, daran zu arbeiten und sie gebührend zu feiern, wo sie uns Türen öffnen und neue, sichere Räume erschließen. Dort, wo dies nicht möglich ist, braucht es klare Grenzen und — falls notwendig — schmerzhafte Entscheidungen, die uns Raum für Selbstheilung und Wachstum geben, damit wir die Zukunft aus den Erfahrungen der Vergangenheit neu und für uns geeigneter gestalten können.


Eine Frage, die in der heutigen Zeit öfter aufkommt, ist jene, ob Monogamie überhaupt noch einen eigenständigen Wert hat oder nur ein Relikt aus vergangenen Zeiten der existenziellen Abhängigkeitsbeziehungen ist und wir in der Gegenwart unsere Bedürfnisse in offenen und polyamoren Partnerschaften besser abdecken können. Diese Frage lässt sich nur individuell beantworten: Egal, zu welchem Beziehungsmodell wir eine Anziehung verspüren — wie können wir diese Beziehung(en) mit möglichst viel Leben, Bewusstheit, Achtsamkeit und Präsenz füllen, sodass wir als Mensch mit unserer Integrität (all unsere Bedürfnisse, Werte und Sehnsüchte) darin Platz finden und uns verwirklichen können, während die Integrität unseres Gegenübers ebenso gewahrt bleibt.

Verbindlichkeit ist dabei sicherlich ein Schlüsselfaktor, und unsere Bereitschaft dafür wird, wie in allen Lebensbereichen, einer individuellen Bandbreite unterliegen: Wie viel Bindung will ich eingehen, wie viel Nähe und Verletzlichkeit zulassen, wie viel Vertrauen finde ich in mir und meinen Fähigkeiten zur Beziehungsgestaltung?


Und natürlich werden auch die längst vergangenen Erfahrungen, sei es aus der Kindheit am gelebten Beispiel der Eltern oder aus durchlebten Beziehungen des Erwachsenenalters, ihren Einfluss haben: Wie viel Gewicht (in Form von Last) oder Ressource diese mit sich bringen, hängt vom Grad unserer Klarheit ab, mit der wir diesen Beziehungen bereits einen erkennbaren und würdigen Platz im Leben gegeben haben. .Je bewusster wir uns diesen Fragen und Themen stellen, desto "leichter" können Beziehungen werden, desto schneller können wir ungeeignete Strategien erkennen und korrigierend eine reifere Variante der Zuwendung finden, die der Situation besser gerecht wird. Dann können Beziehungen tatsächlich ein regelrechter "Schmelztiegel" der eigenen Entwicklung sein.


Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist. Rainer Maria Rilke





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